Achtung dieser Text ist eine Baustelle!!!
Am Sonntag, den 14. Oktober 2007, um 10 Uhr, feierten die Besucher der Münchner Erlöserkirche – im Rahmen der Artionale 2007 – einen ersten Gottesdienst im Angesicht der Skulptur „Victor stramm stehend“ des Münchner Aktionskünstlers und Bildhauers Christian Schnurer.
Die Skulptur sieht aus wie eine Mischung aus Mensch, Rakete, Soldat, Marterpfahl und Denkmal. Sie besteht aus zusammengeschmiedeten Bombenhäuten, die von Blindgängern aus dem zweiten Weltkrieg stammen.
Die Skulptur ist nach kontroversen Standortdiskussionen der verantwortlichen Gemeindemitglieder schließlich im Mittelgang der Kirche aufgestellt worden und bleibt dort bis zum 10.11.2007 stehen.
Die Skulptur heisst „Victor stramm stehend“ und wird insbesondere während der Gottesdienste (durch an sie herangetragene Gedanken) aktiv.
„Victor“ heisst „Sieger“ und „Victor“ ist ein männlicher Vorname, auch liebevoll „Vicky“ abgekürzt. „Victor“ steht für die siegreichen Eigenschaften der Skulptur und ironisiert sie zugleich, holt „Victor“ sozusagen auf den Teppich zurück bzw. hält ihn genau dort.
Der Name „Victor“ personifiziert eine namen- und gesichtslose Skulptur, holt sie damit in die Nähe und macht sie „namentlich“ fassbar, benennbar. „Victor“ klingt auch wie ein Kosewort für diese in Ketten gelegte, durch Ketten gebannte, gezügelte Figur, die immer wieder an verschiedenen Orten auftritt und damit auch das Leben eines „Tanzbären“ und damit einer Jahrmarktsattraktion führt.
Victor hat ein Eigenleben, das er eigentlich und natürlich nicht hat, oder doch?
Im Gegensatz zum Tanzbären, hält Victor stramm stehend still. Victor ist passiv. Man weiss nicht, was von ihm kommen könnte. Man kann es nur vermuten und diese Vermutungen an ihn herantragen.
Victor ist standhaft, ist „Standhafter Zinnsoldat“, steht seinen Mann, steht heldenhaft, steht wie eine Eins, steht vollkommen unbewegt. Ist stoisch, blind und taub, lässt nichts an sich herankommen bzw. alles abprallen.
Victor ist gerüstet, armiert, undurchdringlich, undurchsichtig, wehrhaft, er könnte, wenn er wollte, lässt sich aber weder reizen noch provozieren. Seine Bombenhäute sind ebenso rostig wie gespannt, sind Panzer und Umhüllung für das Unsichtbare, Unbenannte das in ihm steckt, das von innen nach aussen drängt.
Bei den zu seiner Konstruktion verwendeten „Blindgängern“ handelt sich um Fundstücke. Es sind Bomben, die nach ihrem Abwurf im Zweiten Weltkrieg in den Boden eingeschlagen sind, ohne zu explodieren. Nachdem diese Bomben gefunden worden sind, wurden sie entschärft, sind entkernt und zerschnitten worden.
Christian Schnurer ist es gelungen, an solche Bombenhäute als Rohmaterial zu kommen, und er hat diese durch seine Verarbeitung zur Skulptur zu einem neuen „Leben“ erweckt.
Wesentliches Merkmal der Skulptur ist, dass ihre Form und die damit verbundenen Assoziationen Bezug auf das Material nehmen, aus der sie besteht. Die einstige Form der Bomben ist nach wie vor erkennbar. Was die neue Form verkörpert, hat durchaus Sprengkraft, appelliert und erinnert, wirkt unmittelbar und liegt irgendwo zwischen realer Bedrohung, dem Spiel mit Sensation und Attraktion und passt in unsere Zeit und Befindlichkeit, in unsere gefühlte Situation wie die Faust aufs Auge.
Die nach aussen gewölbten, äusserst gespannten Häute der ehemaligen Bomben formen nun einen Körper. Mehrere Bomben tragen zu einem Körper bei, addieren sich zu einer geschlossenen, menschenförmigen aber überlebensgroßen, eher schematisch als lebendig wirkenden Skulptur.
Bombenhäute umkleiden, einen schmalen, raketenförmigen Körper aus Standfuss, Beinen, Bauch, angelegten Armen und einem Kopf mit Helm und auf dem Helm einer überdimensionalen Nadel, die an die Nase von Starfightern erinnern.
Der Körper ist so schmal und bringt so wenig eigenes Standvermögen mit, dass er mit vier gespannten Ketten an einer Europalette befestigt ist, die nun seinen Stand gewährleistet.
Christian Schnurer hat die eisernen Bombenhäute zu einer überlebensgrossen Skulptur zusammengeschmiedet, die nun zu Gast in der Erlöserkirche ist. Es wurde ein Gottesdienst im Angesicht dieser Skulptur gefeiert und im Rahmen der anschliessenden Vernissage, konnten die Gottesdienstbesucher den Künstler befragen und ihre Gedanken zu der Skulptur äußern.
Um die Skulptur in Sicherheit zu bringen, ist sie zum einen mit eingeschweissten Hinweiszetteln als Kunstobjekt ausgewiesen worden, zum anderen wurde in der Kirche ein Informationstisch aufgebaut, der mit Katalogen des Künstlers und darüberhinausgehenden Zeitschriften und Büchern, über das künstlerische Feld aufklärt, dem die Skulptur Christian Schnurers entstammt.
Die raketenförmige Skulptur aus Bombenhäuten steht nun für einige Zeit im zumindest im räumlichen Mittelpunkt des Kirchenraums.
Provokant? Als Provokation? Möglicherweise ein Skandal?
In meinem Kopf gebären sich Schlagzeilen: „Gottesdienst mit Bombe“, „Wie gefährlich ist Schnurers Bombe wirklich?“, „Gottesdienstbesucher empört“
Die Schlagzeilen sind so platt wie sie wahr sind. Die Bombe hat doch im Kirchenraum nichts verloren. In der Kirche ist doch das Gute zuhause. Und nur das Gute und all die guten Menschen, die auch nichts anderes als gut sein wollen. So wollte ich das immer und bin nicht mehr in die Kirche gegangen, weil ich nicht gut genug war.
Der Gottesdienst wurde von Pfarrerin Irene Lehmann gehalten. Im Zentrum ihrer Botschaft stand die Eigenverantwortlichkeit des Menschen (wie unbequem!) – dies ganz besonders im Zusammenhang mit dem Thema „Heilung“, nach der sich jeder Mensch (angeblich oder tatsächlich?) sehnt, der sich vom „Unheil“ in welcher Form auch immer be- oder getroffen fühlt.
Lehmann steht hinter ihren Worten, Wort für Wort, weiß wovon sie spricht, schließt sich nicht aus, sondern sich ein in den Kreis der Zuhörer, zeigt auf niemandem mit dem Finger, spricht von Erkenntnis entlang biblischer Geschichten, und sie spricht davon, wie Menschen es sich in ihrem Unheil bequem machen, sich dort einrichten und sich dort (und leider nirgendwo anders) bestens auskennen. (Brennt hier etwa schon die Zündschnur?). Sie fragt nach der Dankbarkeit und nach dem Gesichtsausdruck, und sie erzählt von Menschen, die unabhängig von ihrem Leid, Freude unter die Menschen bringen. Lehmann berührt mit jedem ihrer Worte, rührt da an, wo die Herausforderung, die Pro-Vokation und die Berufung beginnt. Für jeden auf seine Weise. Lehmann rührt nicht nur an die Bombe, sie scheint auch mit ihr vertraut zu sein. Was für eine Pfarrerin! Ich habe so etwas noch nicht in einer Kirche erlebt. Die Menschen hören zu.
Hier noch ein paar Schlagzeilen:
1. Gottesdienst im Angesicht von Blindgängern
2. Gottesdienst im Angesicht einer Skulptur aus Blindgängern
3. Bome bedroht Gottesdienstbesucher
4. Skulptur aus Blindgängern stellt sich Gottesdienstbesuchern entgegen.
5. Skulptur bedroht Kirchengemeinde
Überdimensional, menschenförmig, bedrohlich und bedroht, angekettet, stillgelegt und noch immer oder besser wieder virulent. Eine Skulptur, die all die Gedanken in sich einschliesst, die mit ihr verbunden sind und die an sie heran getragen werden.
Geballte Ladung und standhafter Zinnsoldat. Er heisst „Victor stramm stehend“ und steht nun im Mittelgang der Erlöserkirche. Er ist Skulptur, ist menschgewordene Bombe, ist entschärfte, zerschnittene und wieder zusammengeschweisste Bombe, ist mehrere Bomben, die zu Menschengestalt verschweisst sind. Überlebensgross.
Die Kirchenbesucher kommen kaum an ihm vorbei. Eine Frau äußerte besorgt, dass hier nun keine Hochzeitspaare vorbei und zum Altarraum vorgehen könnten. Der Pfarrer beruhigte: Es ist doch nur für vier Wochen!
… es ist doch nur Kunst. Es ist doch nur ein Spiel. Aber: Das Leben ist gefährlich und die Kunst ist es auch. Sie ist es für den, der sich berühren lässt. Auf dem Weg zum Gottesdienst und in der U-Bahn dachte ich: „U-Bahn fahren ist gefährlich.“ Diese Gefahr zu realisieren und trotzdem U-Bahn zu fahren, heisst, sich dem Leben zu stellen. Ich möchte nicht wissen, wieviel Gefahr ich täglich verdränge, um „in Ruhe frühstücken zu können.“ Und nicht nur die Gefahr, sondern alles Leid und Unheil, innen und aussen, hier und weltweit, auch und vor allem den Tod, die meist verdrängte Binsenweisheit in unserem Wohnzimmer….. und jetzt eine todesgefährliche Skulptur sogar in der Kirche – was für ein Bild….
Der Blick in den Altarraum ist frei, aber die Nähe zur Skulptur, teilt die Blicke und damit auch die Aufmerksamkeit zwischen der Skulptur, die ans Unheil erinnert, die das Unheil erinnert, die Unheiliges vergegenwärtigt, die aus Resten einstigen Unheils zusammengeschmiedet ist. Hier geht es um Menschen verachtendes, um die Vergegenwärtigung realer Bedrohung. Leben im Angesicht von Bomben. Bomben als formgewordener Ausdruck all der Aggression, die Menschen in sich tragen. Bomben als Abwehr, als Gegenwehr, als Angriff. Victor besteht aus zusammengeschweissten Bombenhäuten, ist fragil an seinen Nähten, wird von Ketten im Stand und am Erdboden gehalten. Victor besteht aus wiederauferstandenen, wiederbelebten Blindgängern, aus Bomben, die nie hochgegangen sind, aus entschärfter Aggression, die zwar abgeworfen aber noch nicht entladen ist.
Vorne das „Heilsgeschehen“ und die „frohe Botschaft“, davor
„Victor stramm stehend“ ist eine Skulptur von Christian Schnurer. Mit jeder Skulptur stellt sich auch die Frage, wo sie denn wohl am besten aufgestellt werden soll, wo sie die beste Wirkung entfaltet. Dass den Künstler selbst diese Frage für all seine Skulpturen-Projekte brennend interessiert und er sich dessen bewusst ist, dass es nie eine Skulptur ohne den Ort gibt, das zeigen seine zahlreichen, ausgetüftelten Photoshop-Simulationen, bei denen bereits gebaute Objekte und eine Ortsfotografien so fusioniert werden, dass eine Wirklichkeit vorweggenommen wird.
„Der Flug der Drohne“ zum Beispiel fand an verschiedensten Orten statt, bevor er unlängst auf der Piazza der E.ON Energie Ag in München realisiert wurde. Da wurden bis zum Abflug viele verschiedene Orte simuliert, darunter auch das Foyer der Pinakothek der Moderne, der der Drohnenflug ausgesprochen gut stehen würde.
Nun zurück zu „Victor stramm stehend“. Auch „er“ ist eine Skulptur, die – so sehr sie, an Ketten befestigt, für sich selbst stehen kann – ihre Wirkung um Grunde erst im Dialog mit dem Ort, sowohl mit der räumlichen, wie auch mit der Bedeutung bzw. Bestimmung des Ortes, treten kann.
So ist es ein buchstäblich „himmelweiter“ Unterschied, ob „Victor“ im Freien steht, ob er auf einem Platz steht, ob er Wache vor dem Atelier des Künstlers steht, ob er in der Galerie der Künstler im Kontext anderer Arbeiten des Künstlers steht. Objekt und Installation sind bei Christian Schnurer nicht zu trennen. Und es gibt auch Skulptureninstallationen, die „unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden“, über die man dann lediglich per Fotographie und über den e-mail-Verteiler des Künstlers erfuhr.
Nun steht Victor in der Erlöserkirche. Victor ist überlebensgross, lehnt sich im Aufbau an überlebensgrosse Denkmäler menschlicher Figuren an, steht buchstäblich stramm, zusätzlich gestrammt von den vier Ketten mit denen er sozusagen hüftabwärts an die vier Ecken seiner Standfläche angekettet ist.

Er steht – anders als auf dem Foto – im Mittelgang, steht dort so, dass man die Schultern und sich der Länge nach schmal machen muss, wenn man sich auf dem Weg zum Altarraum und zur Apsis, an ihm vorbeidrücken möchte. Ja, man muss sich schon an ihm vorbeidrücken, wenn man an ihm vorbei will. Er ist da, nicht zu übersehen, steht im Mittelpunkt des Kirchenraums, ist nun auch ein gefühlter Mittelpunkt, steht dort dem Ausgang zugewandt, wie einer der den Raum einerseits bewacht und andererseits den Weg versperrt. Wer an ihm vorbei will, der umgeht ihn entweder ganz, schleicht sich an den Seiten vorbei oder der zahlt den „Wegezoll“.
Gestern, am Sonntag, um 10 Uhr fand im Rahmen des Sonntagsgottesdienstes und im Anschluss daran, der erste Gottesdienst im Angesicht von Victor statt. Victor ist aus den Aussenhäuten von Blindgängern des zweiten Weltkrieges zusammengesetzt. Aus Bomben also, die in Bayern auf den Erdboden gefallen sind, die eingeschlagen sind, aber nicht „hochgegangen“ sind. Diese undurchdringlich massiven, eisernen Bombenhäute sind von einer dicken Rostschicht umgeben, desweiteren finden sich Spuren von Lehm, Kalkstein, Erden daran, die von dem Ort stammen, an dem sie eingeschlagen sind. Wie an den Bomben abzulesen, sind es Bomben amerikanischen und englischen Ursprungs.