Gerade telefonierte ich mit der Münchener Malerin Angela Stauber und im Gespräch wurde mir wieder einmal bewusst, wie eng der Bereich ist, in dem sich Künstler mit ihrer Kunst bewegen und wie sehr Künstler sich gezwungen sehen, auch in diesem sehr engen Bereich zu bleiben und sich seinen strengen (wenn nicht gar spießigen) „Gesetzen“ zu unterwerfen, um nicht in vollkommener Bedeutungslosigkeit unterzugehen oder mit ihrer Kunst gar keine Chancen vis à vis einer so genannten „Öffentlichkeit“ mehr zu haben.
Und ich rede hier von den „ganz normalen“, völlig „ungehypten“ und weit gehend „unentdeckten“ Künstlern, die sich hauptsächlich mit ihrer Kunst beschäftigen, die – mit oder ohne Kunststudium – gar nicht anders können, als das raus zulassen, was aus ihnen raus will, das auszudrücken, für das sie jeweils einzigartige Mittel finden.
Solche Künstler, die z.B. in München ihre Ateliers haben, die zum Teil arbeiten gehen, um sich ihre Kunst leisten zu können, um für sich und für ihre Familien zu sorgen, um weiter machen zu können, mit dem, was sie eigentlich machen wollen, um ihren „Forschungsprojekten“ im Rahmen ihrer „Kunstwerke“ weiter nachgehen zu können.
Künstler, die das seit vielen Jahren tun und Künstler, deren Bilderlager voll sind, weil niemand diese Bilder kauft oder ausstellt. Und ein volles Bilderlager hat nichts damit zu tun, dass die Bilder unansehnlich oder unverkäuflich wären. Im Gegenteil.
Manchmal sind es auch Künstler, die ganz wunderbare Dinge machen, von denen aber andere behaupten, diese seien zur Zeit nicht gefragt, oder – man staune – „es sei kein mainstream“, oder es treffe zur Zeit den Nerv auf dem Markt nicht oder es sei nicht neu oder originell genug, kann also den anspruchsvollen Sammler, der anspruchsvolle Preise zu zahlen bereit ist, nicht befriedigen.
Was dabei oft vergessen wird, von wem auch immer: Das, was diese Künstler jenseits von „mainstream“ oder „Neuheit“ eigentlich leisten, geht über vieles hinaus, was deren Zeitgenossen so tun, wenn sie ihrem Gewerbe nachgehen.
Wobei es hier nicht darum gehen soll, die einen auf Kosten der anderen abzuwerten. Mir würde es darum gehen, dem Wert und der Qualität einer Sache tatsächlich gerecht zu werden – wenigstens dem Ansatz und Bemühen nach – anstatt, dass Kunstwerke an Kategorien bemessen werden, die mit ihnen gar nichts zu tun haben.
Der Wert einer Sache hat nichts mit dem Markt, nichts mit Marken, mit den Medien, mit Namen und schon gar nichts mit einem „global“ zu vertretenden Anspruch zu tun.
Warum wird ein Künstler, der z.B. ausschließlich in München oder Dachau arbeitet, als „provinziell“ abgestempelt und als irrelevant? Warum reicht eine „lokale“ Bedeutung nicht, um ein Bild zu verkaufen? Warum muss ein Künstler möglichst „international“ sein?
Angela Stauber ist eine so genannte „junge Künstlerin“ und sie ist nur ein Beispiel für eine jener Künstlerinnen und Künstler, die jeden Tag ihre Arbeit im Atelier tun, die ihr Leben einerseits und das Wesen der Malerei andererseits mit den Mitteln ihrer Malerei äußerst konsequent verfolgen. Pinselstrich für Pinselstrich erschafft und reflektiert sie das, was sie tut.
Und in ihrem Falle gerät man über die Auseinandersetzung mit ihrer Malerei in wichtige Themen, die das Leben und die Wahrnehmung jedes einzelnen Menschen betreffen. Die Kunst von Angela Stauber ist auch für andere Menschen interessant, steigert die Aufmerksamkeit und die Bewusstwerdung darüber, was jemand eigentlich tut, wenn er etwas tut, oder im Falle Angela Staubers, was sie tut, wenn sie malt. Und das macht ihre Kunst aufschlussreich und zur Mitteilung für andere.
Also kurz gesagt, ich bekomme immer mehr den Eindruck, dass es sehr viele Mitwirkende in der Kunstszene gibt, die sich gezwungen sehen, Dinge zu tun, die sie gar nicht tun wollen und das immer wieder mit dem Argument, „nicht untergehen“ oder gar „überleben“ zu wollen:
Galeristen geraten unter einen gigantischen Zugzwang, übernehmen sich mit ihren Ausgaben, Aufwendungen und ihrem – selbstverständlich möglichst globalem – Engagement (mind. aber einem internationalen Engagement mit Dépendancen in wenigstens drei Städten) – nicht zuletzt für Messestände, um dort (hoffentlich) auf die gewünschten Sammler (, auf deren Kaufinteresse oder wenigstens auf deren Visitenkarten) zu treffen. Texter schreiben komische, möglichst unverständliche Texte, damit die Kunstwerke ihren elitären Anspruch in elitären Worten gespiegelt wieder finden. Künstler wollen Galeristen mit berühmten Künstlern im Programm, damit sie selber auch ein bisschen berühmter aussehen und sie wollen Kuratoren, Professoren und andere bedeutende Leute, die über sie schreiben – und bloß nicht das Falsche.
Auf den Hype kommt es an. Um’s Verstehen geht es nicht. Dafür fehlt die Zeit. Um Vermittlung geht es auch nicht. Um den Namen geht es, und wer keinen hat, der sieht zu, dass er sich einen macht, und dafür braucht er dann mindestens einen, der ihm den verleiht.
Als Rechtfertigung werden immer wieder „die Gesetze“ des „Kunstmarktes“ angeführt, nach denen man sich richten müsse, die man ja schließlich nicht erfunden hätte. „Du weißt doch wie es ist“, kommt dann im Nachsatz.
Klar, weiß ich wie es ist, und wir alle zusammen, sind dann Opfer dieser „Gesetze“, die niemand gemacht haben will oder die jemand gemacht hat, der wir nun einmal nicht sind, mit Sicherheit nicht. Das war auf jeden Fall jemand anders. Ganz sicher.
Irgendwie geht es immer wieder um den Ruf, die „Marke“, wenn man so will oder den Namen eines Produktes, eines Verkäufers und nicht um die Sache selbst, nicht um die eigentliche Qualität der künstlerischen Arbeit, die allerdings für sämtliche Spiele, die in ihrem Namen gespielt werden, herhalten und diese rechtfertigen muss.
Pro forma jedenfalls und dann tatsächlich bei all den zahllosen, seriös arbeitenden Unternehmen, die sich für die Bekanntmachung, die Vermittlung, die Ausstellung und den Vertrieb von Kunst einsetzen.
Im Grunde erscheinen Künstler mit ihren Kunstwerken immer wieder in einem exklusiven, hoch spezialisierten Milieu, das von einem oft auch exklusiven Publikum aufgesucht wird: Galerien, Fachzeitschriften, Kunsthandel, öffentliche und private Sammlungen und Museen.
Und selbstverständlich ist es auch hier ausgesprochen erstrebenswert, dass die genannten Instanzen einen „guten Namen“ haben. Es ist, als wären die Kunstwerke eines Künstlers nichts wert oder würden entwertet, wenn sie nicht in einem Kontext auftauchen, der sich für die Qualität der Kunstwerke verbürgt.
Etwas anderes ist es, wenn ein Künstler bereits einen „großen“ Namen (in der Fachwelt) hat. Dann kann er sich freier bewegen, d.h. er kann machen was er will und auch an einem nicht-etablierten oder gar gemeinhin als „bedeutungslos“ gewerteten Ort ausstellen, ohne dass seine Kunst einen Wertverlust erleidet.
Die so genannte Öffentlichkeit, d.h. u.a. die Aufmerksamkeit von Medien und (Fach-)publikum werden ihm nachfolgen und sich von seiner Aktion wohlwollend (oder laut muffelnd – das macht dann aber auch nichts mehr) inspirieren lassen.
Für junge Künstler – selbstverständlich „ohne Namen“ – für die „no names“ also, gilt es Bürgen zu finden: d.h. etablierte Instanzen, die einen guten Ruf in der Kunstwelt haben und sich für den jungen Künstler einsetzen.
Ohne diese Bürgen und ohne eine entsprechend etablierte Öffentlichkeit, scheint nichts zu gehen und die Kunst keinen öffentlichen Wert zu verkörpern.
Künstler stürzen sich dann auf eine handvoll, „guter“ Galerien, die sich dann mit dem „jungen, aufstrebenden, viel versprechenden, bereits erste Erfolge zeigenden“ und selbstverständlich „internationalen“ Jungkünstler, dessen „neue, interessante“ und natürlich „spannende Position“ auf eine handvoll Sammler beziehen, die das junge Talent durch einen Kauf erheben soll und natürlich auf ein noch kleineres Händchen voll Kuratoren, in deren Macht es dann steht, ebenfalls durch einen Ankauf oder eine Ausstellung mit dem Namen einer „Sammlung“ oder eines „Museums“ den Namen des noch unbekannten Talents „größer“ und „bedeutender“ zu machen.
Nun denn: Das ist allen Mitspielern bekannt, gilt gemeinhin als „normal“ und ist wogegen sich auch niemand wehren kann. Auch, wenn es gelegentlich zu Wutanfällen bei allen Beteiligten führt, da eigentlich alle in Zwangsjacken stecken und unter Zugzwang stehen: „Ich muss das so machen, weil sonst erreiche ich nichts…“
Künstler brauchen bedeutende Förderer, weil sonst ihre Kunst nichts wert zu sein scheint. Galeristen brauchen bedeutende Sammler. Museen brauchen bedeutende Künstler.
Worauf will ich hinaus? Eigentlich immer noch darauf, dass Kunst das bedeutet, was sie ist und dass sich Betrachter auf ihre Augen und Eindrücke verlassen sollten. Auch darauf, dass Kunst auch ohne Namen und Kunstmarkt bedeutet, in erster Linie für den Künstler selbst und darüber hinaus für die Gesellschaft in deren Gesellschaft der Künstler lebt und arbeitet. Auch würde ich mir weniger Dünkel und Berührungsängste wünschen, mehr Offenheit und Freiheit im Umgang mit so genannter Kunst.
Manchmal denke ich sogar, dass ein Künstler allein dafür bezahlt werden sollte, dass er ein Künstler ist. Dafür, dass er in der Lage ist, etwas zu vergegenwärtigen, was ein Angestellter nicht auszudrücken vermag oder gar nicht ausdrücken mag.
Allerdings sind damit seine Werke dann auch kein Privatbesitz mehr, sondern gesamtgesellschaftliches Gut, das von gesonderten Verwaltungsinstanzen in großen Ausstellungshäusern zugänglich gemacht werden sollte. So öffentlich wie auf einem Marktplatz, wo jeder hinkommt.
Klar ist das idealistisch. Wer vor allem sollte feststellen, wer ein Künstler ist und wer nicht?