September 27, 2007...1:50

Ein Abend mit Ursula Oberhauser

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Gestern abend traf ich die Münchner Künstlerin Ursula Oberhauser. Es war schön sie nun wieder zu treffen, nachdem ich im Sommer eine Rede für sie gehalten hatte.

Eine Rede oder überhaupt Worte für bestimmte Kunstwerke zu finden, bedeutet ja immer eine intensive und enge Zusammenarbeit, die nach der Rede dann abrupt endet. Auch mit Ursula hatte ich ausführliche Gespräche in ihrem Atelier und auch immer wieder zwischendurch gehabt, bis ich mich schliesslich auf ein Thema festgelegt hatte, über das ich bei Ihrer Vernissage reden wollte.

Es hatte sich nämlich während der Auseinandersetzung mit Ursulas Arbeiten herausgestellt, dass im Grunde jede ihrer Objektgruppen einer eigenen Rede bedürfen würde. Vieles hat sich erst bei der näheren Betrachtung ihrer Objekte herausgestellt. Der erste Blick auf ihre Arbeiten entpuppte sich im Nachhinein zwar als ein erster Zugang, war jedoch auch trügerisch.

Wie soll ich sagen? Am Anfang habe ich gemeint, ich „hätte“ es und das „wäre“ es, bis dieses vermeintliche „Wissen“ aufplatzte und sich Ursula’s Objekte als weitaus vielschichtiger und komplexer entpuppten, als es für mich zunächst ausgesehen hatte.

Vielleicht wirkt gerade die verblüffende Einfachheit ihrer Objekte und auch deren ausgesprochen ästhetischer Reiz wie Glatteis. Ich zumindest hätte beinahe das ausgesprochen Hintergründige ihrer Arbeiten um ein Haar verfehlt. Ich bin dankbar für die Bereicherung, die durch das „Aufplatzen“ der ersten Eindrücke geschehen ist und kann nur jedem Betrachter der Arbeiten von Ursula Oberhauser das gleiche wünschen!

So sahen wir uns gestern wieder und sassen im Stadtcafé einander gegenüber. Wir sassen direkt vor den grossen Panoramafenstern des Stadtcafés mit Ausblick auf die neugebaute Synagoge, die angrenzenden Gebäude und die Reste des Jakobsplatzes. Wie sassen einander gegenüber an einem kleinen Nierentisch, auf dem ein fröhliches Punktemuster in braun, goldgelb und braunroten Farben aufgedruckt war.

Zu diesem Aufdruck hinzu kamen hauchdünne Linien in den gleichen Farben, die wie sortierte Mikadostäbe ein Muster auf der ansonsten hellbraunen, lackierten Oberfläche des Tisches hinterliessen.

Mir fiel diese Tischoberfläche plötzlich auf, weil sie so gut zu Ursula passte. Sie bestätigte mir, dass dies ihr Lieblingsplatz sei und sie sich gefreut hätte, dass er noch frei gewesen sei, als sie kam. Ich selber war nämlich etwas verspätet eingetroffen.

So sassen wir beide an Ursulas Lieblingsplatz, tranken Pfefferminztee mit frischen, fast schon giftgrünen Pfefferminzblättern im Tee, der duftete und vor sich hin dampfte, während es draussen zum steinerweichen schüttete und regnete. Was unten wie endlose Regenschnüre aussah, die einen schräg fallenden Vorhang bildeten, das sah mit Blick gegen die weissgrauen Wolken aus wie ein schwarzes, staubiges Tupfenmuster.

Mehrfach an dem Abend gönnten wir unseren Gesprächsthemen eine Pause, um immer wieder einen Blick auf das Schauspiel des Himmels und damit des Wetters zu werfen. Steine, Regen, Pfützen und über den Platz laufendes Wasser… Menschen huschten mit ihren windgeplagten, überschlagenen Regenschirmen eher vorbei, als das sie gingen und manche gingen zur den roh behauenen Steinen der Synagogenmauer und berührten sie wie eine Klagemauer. Noch wachsen auf dem Platz keine Bäume. Zumindest kann ich mich nicht erinnern, einen Baum gesehen zu haben.

Manchmal blitzte der golden-farbige Gitterkäfig im oberen Teil der Synagoge auf, dann wenn unvermittelt der Himmel aufbrach, die Abendsonne herausblitzte, um alsbald wieder in Wolkenmassen zu versinken. Ja, dieser Abend war ein Wetterschauspiel gewesen, mit einem Himmel, der je nach Himmelsrichtung verschiedene, einander ablösende und auch widersprüchliche Wetter hatte.

Uns hat es gefallen, die Wetterverläufe zu verfolgen. Vor allem als sich unmittelbar vor uns die Regengrenze befand: Links regnete es in Strömen, rechts kam kein Tropfen herunter. Wir assen noch eine heisse Suppe und es war ein wunderschöner Abend gewesen, voller eigenwilliger Sichtweiten, Stimmungen, Pausen, Annäherungen und Entfernungen.

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