Annekathrin Norrmann ist eine jener Künstlerpersönlichkeiten, deren Arbeiten es gelingt, mich völlig aus der Reserve zu locken. Aus all jenen Bereichen heraus, in denen sich Zweifel und Überlegungen vis à vis künstlerischer Arbeiten breit machen und sich Fragen stellen wie: „Ist das was? Ist das nichts? Bin ich blind oder sind die Arbeiten „nichts“? Oder wenn sie nicht „nichts“ sind, was sind sie dann? Mit vielen künstlerischen Arbeiten ist die Begegnung eine einzige „Grauzone“, aus der ich mich erst schreibend herausarbeiten kann. Vielen Kunstwerken kann ich – so gesehen – erst im Nachhinein gerecht werden.
Die Arbeiten von Annekathrin Norrmann wirken auf mich vollkommen entsichert und unmittelbar. Sie lassen keine Zeit und keinen Raum für dergleichen Überlegungen. Ich stehe nicht rat- und hilflos vor diesen Arbeiten, und es beginnt auch nicht dieser Machtkampf zwischen meinem gefühlten Desinteresse-Interesse, geprägt von Widerwillen oder auch von einer jener inneren Auseinandersetzungen, bei denen ich möglichst tunlichst vermeide „vorschnell“ zu urteilen (wo in Wirklichkeit „die Klappe“ längst runtergegangen ist).
„Transcendence Supermarket“ – und das soll hier gesagt werden, um diesen Zahn gleich mal zu ziehen – hat nichts mit Esoterik zu tun. Nicht einmal ein Hauch davon hat der Ausstellung ihren Namen gegeben.
„Transcendence Supermarket“ ist die rot gedruckte Aufschrift auf einer jener hauchdünnen, laut knisternden, weissen Plastiktüten, die man auch im italienischen Supermarkt bekommt, nur dass sie hier aus einem in China befindlichen, chinesischen Fachgeschäft für „Malereibedarf“ stammt, von einem chinesischen Malerkollegen der Künstlerin importiert und von der Künstlerin schließlich „adoptiert“ und „adaptiert“ worden ist.
„Transcendence Supermarket“ ist der einzig lesbare Aufdruck auf der Tüte. Drumherum befinden sich ausschließlich rote chinesische Schriftzeichen. Diese Tüte befindet sich hinter Glas gerahmt und auf Augenhöhe aufgehängt im Atelier der Künstlerin und der Aufdruck hat ihrer Ausstellung den Namen gegeben.
Annekathrin Norrmann stellt ihre neuen Arbeiten in zwei Räumen aus: Im Ausstellungsraum ihres Wohnhauses in Biberbach und in ihrem Atelier.
Das Wohnhaus war das ehemalige Wirtshaus im Ort. Ein altes Haus also, das sie mit ihrem Mann buchstäblich Stein für Stein wieder bewohnbar gemacht, hergerichtet und es in einer Weise eingerichtet hat, dass jeder Quadratzentimeter zu einer bewusst vor Augen geführten Augenweide wird.
Alte Gegenstände kombiniert mit aktueller Kunst. Viel konkrete Kunst, aber niemals kühl und niemals belanglos. Immer Kunstwerke, die „es“ auf den Punkt bringen und dies auch eindeutig vermitteln.
Keine zweifelhafte Kunst. Dazwischen Pflanzen, Kanarienvögel, alte Durchreichen, einen blank gescheuerten Tisch, Sitzbänke, Katzen und Kanapees. Eine Küche mit einem riesigen Kochherd, der mit Holz zu betreiben ist. Und dies mit dem aluminiumbezogenen, großen Kühlschrank von Bauknecht kombiniert. Eine rasend zähnefletschende, schwarz geringelte Holzkatze mit steif ausgestreckten Gliedern hängt über dem Herd von der Decke herunter und dient als eher ironisch gemeinter Fliegen-, Hunde- oder Katzenschreck. Auch an den Wänden der Küche hängen Kunstwerke.
Das Haus ist voller Kunst- und Nichtkunstgeschichten, die sich bis zur Ununterscheidbarkeit mischen. Der Garten schimmert nun in Herbstfarben und in einer vollkommen verwilderten Pracht. Obstbäume, Wespennester, alte Rosenstöcke, Kräuter, die an völlig unerwarteten Stellen wachsen, gestapelte Töpfe, hochgestellte Beete, ein Komposthaufen, eine Sitzecke, abgefallene, besonders leuchtende Blätter vom Pfirsichbaum und ein Spalier, das sich am Haus hochrankt.
Altes und Neues, Gefundenes und Erworbenes, Zufälligwirkendes und Bewusstplatziertes, eine Holzstiege, ein gescheuert glänzender Boden aus alten Steinen, der vom Hauseingang zum rückwärtigen Gartenausgang führt, pastellgrün gestrichene, hölzerne Türleibungen, alte Möbel, neue Möbel, ein Gewölbekeller für die Vorräte und ein Dachstuhl, der ebenfalls als Vorratslager dient.
Große Teile setzen sich in Details fort, und alles, was man sagen kann ist, dass das Haus und seine Einrichtung bis in jedes kleinste Detail durchdacht ist. Dies aber nicht im Sinne einer „schöner Wohnen“-Ordnung oder nach Designkriterien, eher im Sinne einer Künstlerin, die sich ganz und gar in den Bezügen und Objekten ausdrückt mit und in denen sie lebt.
Annekathrin Norrmann kennt keine Grenzen, kennt keine Abgrenzung. Es gibt nicht diese Trennung zwischen ihr und den Objekten. Ihr Verhältnis zu den Dingen ist grenzenlos. Dinge sind als gesehene und wahrgenommene Dinge eine Fortsetzung ihrer selbst.
So schmeißt sie auch nichts fort, sondern pflegt diese Verbindungen. Dreht und wendet die Gegenstände, platziert sie, um und neu, gibt Dingen einen Ort und dem Ort ein Ding und damit ein Stück von sich selbst, einen Satelliten.
Objekte in ihrer Umgebung werden zum Ausdruck ihrer Sicht- und Wahrnehmungsweise. Der Betrachter kann nicht Nichtsehen. Und das ist wohl das oberste Credo, das ich in der Umgebung, im Umfeld von Annekathrin Norrmann und ihrer Kunst aussprechen würde:
Der Mensch kann nicht Nichtsehen.
Und was für das Haus gilt, galt bzw. gilt auch für die früheren Kunstobjekte von Annekathrin Norrmann und auch für die neueren, in einem noch höheren Masse entfesselten Arbeiten.
Wo die früheren Arbeiten, d.h. ihre Bildkästen bzw. Bildkörper, schon immer ein Feld erzeugt haben, in dem für den Betrachter nicht nur jener, sondern auch der Raum sichtbar wurden, so blieben sie doch auch immer in sich geschlossene „Objekte“ im Raum.
Mit den neueren Arbeiten ist es, als sei buchstäblich der Deckel vom Topf gelüftet worden. Während frühere Arbeiten (und von denen wird es sicher weitere geben) aus jeweils zugeschnittenen Plexiglaskästen bestanden, in denen Gegenstände eingeschlossen waren, die durch die Bearbeitung des Kastens – beispielsweise mit Farben und Drahtbürste – durch eine spezifische Art eines durch die Bearbeitung gebrochenen Lichteinfalls – in einer spezifischen Art und Weise sichtbar bzw. als solche unsichtbar wurden und anstelle dessen die Objekthaftigkeit zu einer besonderen Lichtwirkung transformiert, transferiert oder sogar transzendiert wurden, da arbeitet Annekathrin in ihren neuesten Arbeiten vollkommen „offen“ – d.h. ohne den Plexiglaskasten:
Die ausgestellten Fotografien (von handlichen Kleinformaten, bis zu von der Decke abgehängten Fototapetenbahnen) und Objekte (mit schwarzer Farbe partiell bemalte bzw. bedruckte Schallplatten) sind Installationen, beinhalten jeweils unwillkürlich entstandene Handlungsmomente und festgehaltene Wahrnehmungen.
Auf einem Foto zeigt sich zum Beispiel die Spiegelung in der Spiegelung auf einem Objekt und zeigt sich in Verschwommenheit, im Halbschatten, im Nicht-konkreten, im Nichtfassbaren. Das Sichtbare drückt sich aus und verzweigt sich in jenen Zwischenwelten normalerweise ausgeblendeter, oder als nicht sinnvoll ausgemusterter Eindrücke. Das als Bild Eingefangene und Wiedergegebene bewegt sich im Bereich jenes Sichtbaren, das als Sichtbares nur selten wahrgenommen wird.
Es ist die vom „Rest der Welt“ ausgemusterte Sichtbarkeit, in der die Verdichtungen von Eindrücken von Annekathrin Norrmann beginnen, und es ist genau dort, wo mir als Betrachter die Schuppen von den Augen fallen, wo ich entfesselt werde und wo ich plötzlich alles sehen muss, jede Schattenfuge, jeden Lichteinfall, jedes Objekt, jeden durch Objekte definierten oder bestimmten Raum.
Ich fange an zu sehen und weiß, dass das eigentlich immer so ist, und was im ersten Augenblick wie ein Norrmannscher Kunstfilter erscheint, ist viel eher die Wirklichkeit als das, was ich im Alltag dafür halte.
Annekathrin Norrmann holt die ausgeblendete Wirklichkeit in den Raum zurück. Ihre Kunst ist grenzenlos und involviert jeden, der sich in jenem unsichtbaren-sichtbaren Existenzraum ihrer Objekte aufhält.
Dass einem da die Augen aufgehen, geschieht binnen einer Minute. Ihre Bild-Handlungs-Objekte, die in einen raumspezifischen Zusammenhang gebracht werden, geraten zu Reaktoren. Sie machen Raum bis in die noch so kleinste Schattenfuge sichtbar.
Und sie selbst? Sie bleiben zumeist aus dem Namenlosen gefischte und geborgene Eindrücke, werden durch Referenzflächen aus schluckenden oder reflektierenden Licht- und Formeigenschaften inszeniert oder zum Sprechen gebracht.
Wichtig ist, dass es nicht immer ganz klar ist, wo die Kunst beginnt und wo sie aufhört. Sichtbar gemachter Raum und sichtbar gemachte Lichteigenschaften hören schließlich nicht beim Kunstobjekt auf.
Annekathrin Norrmanns Kunstobjekte machen Licht- und Formeigenschaften allerdings erst bewusst, weil sie diese wahrnehmen, einfangen, dem Betrachter vor Augen führen und den Betrachter mit einer Bewusstheit aufladen, die er zuvor nicht hatte.
Die fotografisch eingefangenen Eindrücke stammen zumeist aus allernächster Nähe der Künstlerin. Was so „exotisch“ wirkt, ist so exotisch wie eben jene aufgezählte Bauknecht-Kühlschranktür, deren Oberfläche bestimmte Eigenschaften der Lichtbrechung hat. Eben jene von einer unscharfen, uneingegrenzten Spiegelung, bzw. der Fähigkeit Objekte in Farbeigenschaften zu wandeln, die sich unter bestimmten Blickwinkeln und bei einem bestimmten Lichteinfall auf ihrer Außenhaut wie in einem Kühlschranktüren-Inneren abbilden.
Es ist ja alles schon da, und es ist alles ganz einfach. Die Welt von Annekathrin Norrmann gibt dem abgelegten, offensichtlichen, der nächsten Nähe ihre Geheimnisse zurück, weil sie – wie auf ihren Schallplatten – das Label oder die Aufschrift teilweise übermalt, und weil anstelle dessen, die reine Erscheinung der Dinge ins Auge fällt.
Die Ausstellung im Atelier und Wohnhaus der Künstlerin in Biberbach (bei Röhrmoos, Landkreis Dachau) gehört mit zu den sehenswertesten und unzweifelhaftesten Ausstellungen, die ich je gesehen habe und ist nur noch nach Vereinbarung mit der Künstlerin zu besichtigen.