Hier einige Eindrücke von der Ausstellung von Anish Kapoor im Haus der Kunst:
Mein erster Gedanke, als ich das Hauptkunstwerk „svayambh“ gesehen habe, war: „Ich habe noch nie einen Künstler getroffen, der sich traut, in so großzügigen Maßstäben zu denken.“
(Der Ausspruch eines kölschen Bauarbeiters besagt: „Hier wird nicht gekleckert, hier wird geklotzt…“ An den Spruch musste ich sofort denken.)
„Svayambh“ (d.h. „sich selbst erzeugend“) ist ein Materieblock in Größe der Durchgänge im Haus der Kunst, d.h. in den Ausmaßen und mit der Form eines Güterzugwagons, der auf einer Palette auf Schienen läuft, die entlang der Ost-West-Achse der Ausstellungsräume des Hauses der Kunst verlaufen – durch sämtliche Räume hindurch, „steckerlgrod“-geradeaus. Der Block besteht aus einem ausgesprochen sinnlichen Materialgemisch von Wachs und Vaseline, das dunkelrot eingefärbt ist.
(In das Material möchte man reinlangen, es riechen, drin baden, etwas damit bauen, die Wände, Menschen und den Fussboden damit an- und einschmieren, es aufessen, es anschlecken, sich darin suhlen, anmalen, darin unbekümmert sein und zugleich graust es einen, weil es sicher klebrig ist, alles schmutzig macht, es in den Körperöffnungen hängen bleibt, es einen ersticken könnte, blind oder taub machen und es vielleicht nicht mehr zu entfernen ist, weil es einen einfärben, vergiften oder verändern könnte.
Aber keine Angst: jedes ausgestellte Kunstwerk hat sein Wachpersonal, das darüber wacht, dass niemand der Materie zu nahe kommt. Weil: anfassen, riechen, schmecken, fühlen und reinkriechen, wenn es geht, möchte man hier immerzu. Ein bisschen quälend oder unnatürlich ist eigentlich die Distanz in der der Betrachter vor all dieser sinnlichen und überdimensionierten Pracht zu sein hat. Hier wird der Betrachter zum Kind und Kinder langen in den Spiegel rein, wenn sie sich dort zu sehen bekommen. Sie wollen ihr Spiegelbild auch begreifen.)
Der dunkelrote Materieblock war ursprünglich größer als die Türstöcke. Er erhielt seine jetzige Form erst, als er durch die Türstöcke hindurchgedrückt wurde. Reste des Materialgemisches hängen nun in den Laibungen der Türstöcke. Aber es sind nicht nur Reste, sondern auch dort angebrachte und aufgebaute Materie, die nun die Türstöcke bzw. die angrenzenden Wandflächen fast schon theatralisch und wie ein dichter, schwerer Türvorhang aus plastischer Materie umgibt.
So zufällig die Überreste aus dem Geburtsvorgang des durch die Türöffnungen durchgedrückten Materieblocks aussehen: Hier ist alles präzise durchdacht.
Der in Form gebrachte Block bewegt sich nun im Zeitlupentempo entlang der Schienen – hin und her – einmal pro Tag, habe ich mir sagen lassen. Es sind ungeheure Mengen an Materie und nur ein Teil dieser Materie konnte passend gemacht werden. Der Rest bleibt ungestalt, bleibt Randerscheinung, Restmaterie.
Die dunkelrote, übrigens geruchlose Materie weckt Assoziationen von Fleisch, Blut aber auch von Eiscreme, Buttercreme und das natürlich mit Brombeer- oder Waldbeergeschmack. Sie ist essentiell, und sie erinnert auch an Beuys Butterberge.
Die Materie in den Türstöcken und an den Wänden kontrastiert mit der weißen Makellosigkeit der Wände. Die Durchgänge wirken plötzlich wie aufgebrochen, ruinös, wie stehengebliebene Trümmer einer einst heilen Ordnung. Der Kunsttransport von Farbmaterie scheint einen Farbschaden angerichtet zu haben, der die ursprünglichen architektonischen Gegebenheiten verändert hat.
Die Arbeit besticht durch Größe, Klarheit, Entschiedenheit und durch ihren ambivalenten Reiz: da ist Grausamkeit mit drin, Erhöhung und Erniedrigung, Aufbau und Zerstörung. Und zugleich ist da ist eine ungeheuerliche Sinnlichkeit, Appetit und Schmackhaftigkeit drin.
Etwas wurde „passend“ gemacht und anderes fiel dabei „seitlich“ runter oder dem Vorgang zum Opfer. Vereinzelt unter den Ausstellungsbesuchern wurde die Geschichte bemüht, die sozusagen an den Wänden des Hauses der Kunst „klebt“.
Der Mensch, der die Objekte Kapoors sieht, wird zum Zwerg oder zum Kleinkind. Er darf staunen, sich von Größen, Mengen, Farb-, Licht- und Materieeigenschaften und von der Vielgestalt seines eigenen Spiegelbildes verzaubern lassen.
Viele der Objekte thematisieren grundlegende Themen der Malerei mit den Mitteln der Bildhauerei: Es geht um das Verhältnis von Linie und Fläche, von Farbe und Raum, von Lichtbrechung durch die Art in der Farbpigmente eingesetzt werden.
Und selbst angesichts auf Hochglanz polierter Kunstharzflächen wird man (nicht nur bei den entsprechenden, mit Pigmenten überzogenen Skulpturen) an den ursprünglichen Einsatz einfarbiger, vorzugsweise roter Farbpigmente an hinduistischen Opfersteinen erinnert.
Gestern waren einige Kunstfreunde auf der Eröffnung zu beobachten, die da mit offenen Mündern und verträumten, weit offenen Augen staunten. Sie sahen aus, als hätten sie sich rückhaltlos auf eine Welt unendlich vielfältiger Oberflächenreize und in die grundlose Tiefe der Farbe eingelassen.
Und in der Tat, es gibt Flächen zu sehen, in denen die Augen ertrinken, besser, gnadenlos absaufen können, in denen es nurmehr noch die Augen in der Farbe und die Farbe in den Augen und im Sehgehirn des Betrachters gibt.
S-förmig gewundene oder auf einem Kreissegment gebogene, von beiden Seiten ansichtige und umgehbare Stellwände aus aufwändigst aufpoliertem Edelstahl nehmen Raumbestandteile, Linien, Farben, Lichtverhältnisse und den Betrachter in sich auf. Sie stellen ihn auf den Kopf, vergrößern, verkleinern oder verzerren ihn und wenn er nur – über die Augenschmerzgrenze hinweg – nahe genug herangeht, ist es, als würde seine Sehkraft gänzlich von den Farb- und Oberflächeneigenschaften der Objekte übernommen.
Ein seltsames Gefühl stellt sich ein. Da geht etwas vom Betrachter an die überlebensgroßen Dinge mit den geheimnisvollen Farb- und Spiegeloberflächen über und wird dort verändert, was für den Betrachter aber als ein Teil von ihm selbst wahrnehmbar bleibt.
Ich habe auch an Gartenarchitekturen des Rokkoko gedacht, bei denen die Menschen, die sich in solchen verzauberten, mit Kunstobjekten angereicherten Gärten aufhielten und darin ein Spiel mit ihrer Größe trieben. Sie wurden zu Riesen, Perlen oder Zwergen, die sich in Muschelgehäusen, Farnranken u.ä. einrichteten, dort ihrem Liebesleben und den Leibesfreuden fröhnten.
Die Formensprache und Oberflächengestaltung der Objekte Kapoors bedienen sich sowohl der hochmodernen, ebenso kühlen, perfekten wie biomorphen Ästhetik, Technik und Herstellungsverfahren heutigen Autodesigns, als sie sich auch auf eine vollkommen zeitlose Formensprache besinnen. Immer wieder greifen sie auf Grundformen und deren Verhältnisse zueinander zurück. Das Eckige und das Runde, das Gerade und das Gebogene, die Linie und die Fläche, das Reflektierende und das Aufsaugende. Heraus kommen Kreise, Kugeln, Tränen, gebogene Stellwände, Hohlspiegel, Vorwölbungen, mal als plastischer Körper, der dem Raum zugefügt wird und manchmal als eine der Wand vorgestellte Wandtransformation mit unterschiedlichen Oberflächeneigenschaften.
Immer wieder fügt Kapoor, dem vorgefundenen Raum etwas vollkommen „Imaginäres“ hinzu, etwas, das es nicht gibt, dass aber einen ganz starken Bezug zu dem, was da ist, in sich aufnimmt und wiedergibt.
Alle gezeigten Objekte und Flächen vermitteln zwischen Raum und Betrachter. Sie agieren als Bindeglieder zwischen dem Raum, seinen Ausmaßen, sichtbaren Details, Lichtverhältnissen und dem Körper des Betrachters, seiner Anwesenheit. Und immer wieder wird körperliches, d.h. materielles in eine spezifische Eigenschaft der Lichtbrechung, in eine Weise der Lichterscheinung überführt.
Es ist, als würde der Betrachter gänzlich in die Reize von Kapoors Objekten, in deren Glanz er sich und andere vielfältig gespiegelt wiederfindet, übergehen. Es ist so, wie man immer von den Bienen und den Blumen behauptet…
Skulpturen saugen ein oder geben ab. Der Betrachter steht am Rande eines riesigen dunkelroten, hochaufpolierten Hörmuschelohres, folgt diesem Gehörgang und kann mit Blicken an dessen anderem, blauen Ende wieder auftauchen.
Amerikanische Geschäftsmänner in Anzügen amüsierten sich gegen Ende der Vernissage laut debattierend, lachend und experimentierend vor einem gigantischen Hohlspiegel, der aus lauter sechseckigen Spiegeln besteht. Sie probierten die Arten ihrer Spiegelungen aus. Mal wurden sie riesig gross und in einem anderen Winkel zerfielen sie in winzige Einzelbildchen, in jedem Sechseck eins. Gleichzeitig mischten sich in dem Spiegel Erscheinungen ein, in den der umgebende Raum zu geheimnisvoll wirkenden, laufenden Schriftzeichen transformiert wurde.
Eine beeindruckende Ausstellung, die den Betrachter mit dem Raum verknüpft und deutlich macht, dass alles eine Frage der Erscheinung ist.
Letztlich kommt mir vor, als würde Anish Kapoor der Materie, ihrer Form und dem Licht immer wieder die Farbe opfern, wie es im hinduistischen gebräuchlich ist.
Er besinnt sich auf die Schöpfung, indem er unserer Alltagswelt eine imaginäre Welt hinzufügt und uns selbst als Teile dieser Imagination in die Welt schier grenzenloser momentaner Wahrnehmungen und Erscheinungen überführt.
Die Ausstellung dauert bis zum 20.1.2007 und ist unbedingt sehenswert.