Angeregt durch den Kommentar zu meinem ersten Beitrag „Transcendence Supermarket“, der nach Bildern verlangte, habe ich vorgestern die Künstlerin Annekathrin Norrmann noch einmal besucht.
Diesmal hatte ich meinen Fotoapparat mitgenommen. Ich wollte einige Fotos von den beiden Ausstellungsräumen machen und von dem beschriebenen Wohnhaus, um meinen Text zu bebildern.
Ich hatte meinen Text noch einmal durchgelesen und mir überlegt, welche Aufnahmen ich machen könnte, um das, was ich in meinem Text zu beschreiben suchte, nun auch in Bildern darzustellen.
Also, dachte ich mir, die chinesische Plastiktüte mit dem Aufdruck „Transcendence Supermarket“, die könnte ich fotografieren. Aber habe ich die nicht hinreichend beschrieben? Außerdem ist sie eigentlich kein Kunstwerk und zugleich ist sie im Kontext der Ausstellung sehr wohl eines. Aber wer braucht die Abbildung einer Plastiktüte mit einem chinesischen Aufdruck? Das kann man sich wirklich sehr gut vorstellen. Und so ging es weiter: die Kühlschranktür, die Objekte im Haus, der Garten… das kann man sich doch alles ganz gut vorstellen. Ein genaues Bild ist hier gar nicht wichtig.
Es gibt in dem Haus endlos viel zu sehen und mir wurde bei meinem erneuten Besuch klar, dass ich das, was ich an jenem Samstag gesehen hatte, niemals würde rekonstruieren können. Schließlich hatte ich mir nicht sämtliche Details gemerkt, die zu jener Wirkung geführt hatten, aus der heraus ich meinen Text geschrieben und die ich zu beschreiben versucht hatte.
Letztendlich war die Wirkung der Ausstellung wichtig. Jene Anblicke, die sie ausgelöst hatten, waren mit dem Abwenden der Augen zu Abbildern im Gedächtnis geworden. Doch deren Entsprechungen sind schon allein deswegen nicht mehr zu finden, weil sich die Bilder im Gedächtnis auf der Stelle verändern.
Die Bilder in meiner Erinnerung unterliegen einer ständigen Bearbeitung. Ich habe so eine Art selbsttätigen „Photoshop“ im Kopf, der die Aufnahmen verändert.
Ich saß mit Annekathrin Norrmann am Holztisch in ihrer Küche, und sie brachte zwei Stöße Fotografien mit, auf denen Aufnahmen aus den Ausstellungsräumen zu sehen waren. Spätestens jetzt war klar, dass sich ihre Rauminstallationen nicht über Fotografien derselben vermitteln lassen.
Auf den Fotografien der Ausstellung war nicht die Ausstellung zu sehen, die ich gesehen hatte. Nun, wird man einwenden können, das ist doch immer so mit Fotografien. Ja, antworte ich, ganz richtig, aber ich habe bislang noch nicht erlebt, das der Unterschied so krass ist und das sich die Ausstellung über Fotografien nicht vermitteln lässt.
Die Künstlerin sagte mir, dass sie im Grunde auch ganz glücklich darüber sei, dass sich ihre Arbeit einer direkten fotografischen Wiedergabe weitgehend entziehen würde.
In Annekathrin Norrmanns Ausstellungsräumen sind der Raum und die Objekte nicht voneinander zu trennen. Ihre Objekte sind „Reaktoren“, die Raum, Objekteigenschaften und auch den Betrachter sichtbar machen.
Jene Objekte können fotografische Arbeiten sein. Genau gesagt handelt es sich um fotografische Objekte, da die fotografische Abbildung nie ohne das Format, das Material bzw. ohne die gegenständliche Präsentationsform daher kommt, mit der sie verwirklicht worden sind.
Und es können dazu kombinierte oder separate „Referenzflächen“, Objekte oder bemalte Wandflächen sein, die ohne jede Abbildung, bestimmte Eigenschaften haben: Grösse, Material, Farbe, Farbdichte und Farbtiefe, Oberflächenstruktur, Formeigenschaften und eine Positionierung im Raum, für die sie unter Umständen eigens geschaffen oder gefunden worden sind.
Annekathrin Norrmanns „Bilder“ sind „Bildgegenstände“ und sie leugnen ihre Objekthaftigkeit nicht. Es gibt bei ihr kein Bild ohne das Ding, den Gegenstand, das Objekt. Der Gegenstand wiederum spielt immer eine Rolle als Objekt im Raum. Als Ding erschafft das Bild den Raum, macht ihn sichtbar. Bildgegenstand und Raum gehen eine enge Bindung ein.
Desweiteren leugnen die Bildobjekte auch die Handlungsebene nicht. Wenn Annekathrin Norrmann auf bzw. um den Wechselrahmen, in den sie ihre Fotografien eingelegt hat, im oberen und unteren Bereich textiles Klebeband klebt, 1-2 cm von der Rahmenkante entfernt, dann erinnert sie damit an jene Handlungsebene, die darauf hinweist, das kein Bild als solches „absolut“ und nur Bild ist.
Der Handlungseingriff erfolgt nach Augenmass und regelmäßig. Im Auge des Betrachters ist er ebenso ein Störfaktor, wie er die Wirkung des Bildes wieder auf das Objekt, die Handlung bzw. den Eingriff der Künstlerin und damit auf den Raum lenkt.
Ich möchte hier nicht so tun, als wären all diese Objekte, die Handlungen und Setzungen, durch die ihre Wirkung gestaltet worden ist, vollkommen rational nachvollziehbar. Das, was im Ausstellungsraum, zwischen Raum, Betrachter und Objekt geschieht, überschreitet die Möglichkeiten des Verstandes.
Mein Erleben der Ausstellung zeigt eigentlich, das die Wahrnehmungsmöglichkeiten eines Menschen sich nicht auf seine Verstandesleistungen beschränken. Auch die von der Künstlerin vollzogenen Handlungen und Setzungen ihrer Bildobjekte integrieren Momente, die letztendlich nicht aus dem Verstand allein resultieren. Sogenanntes Spontanes, Unwillkürliches und Intuitives spielen eine Rolle, ohne das damit schon gesagt wäre, was das überhaupt ist.
Sämtliche Bildobjekte, Bildkörper und Referenzflächen sind letztlich auch „Fundobjekte“. Die Handschrift der Künstlerin ist keine „persönliche“. Alles was sie zeigt, war vorher schon da, und sie nutzt Techniken des Abbildens und der Rauminstallation, um diese Fundstücke sichtbar zu machen.
Es ist, als würde die Künstlerin mit ihrer Rauminstallation sagen: Ich bin die Wahrnehmende und nicht das Wahrgenommene. Die von ihr gestalteten Räume bilden die Art ihrer Wahrnehmung ab, nicht das Wahrgenommene. Die von ihr installierten bildnerischen Objekte aktivieren die Wahrnehmung und führen dazu, dass plötzlich „alles“ aktiv und aussagekräftig wird.
Die Grenze zwischen Kunst und Nichtkunst wird insofern aufgehoben, als es um das „Sehen“ geht und nicht um das „Sichtbare“ – auch, und darin besteht die Kunst von Annekathrin Norrmann – wenn das „Sichtbare“, dieses „Sehen“ auslöst.
Dieses „Sichtbare“ der installierten Objekte ist aber nicht von dem Raum, den konkreten Gegebenheiten, zu trennen. Was im Raum, in seinen Dimensionen, mit seinen Gegebenheiten und mit seinem Lichteinfall funktioniert, das funktioniert auf einer Fotografie nicht mehr.
Das funktioniert vielleicht mit Fotografien, die eben jenes Sehen freisetzen – ein Sehen, in dem zwischen Betrachter, Raum und Objekt, zwischen Lebensraum und Kunstraum nicht mehr zu unterscheiden ist.
Wenn ich meinen ersten Text bebildern wollte, dann müsste ich mein Sehen abbilden. Jenes habe ich versucht in Worten zu beschreiben. Drum braucht es an der Stelle keine Bilder.
Bei meiner Besprechung mit Annekathrin Norrmann und unserer Sichtung ihrer Fotografien, begegnete mir jedoch – trotz all der angeführten Argumente – eine Fotografie, die vielleicht einen direkten Hinweis auf die Kunst Annekathrin Norrmanns geben kann, so wie ich ihre Ausstellungsräume erlebt habe.
Es ist ein Foto, das nicht nur das Bild, sondern auch die Spiegelung des Raumes im Bild integiert und obendrein das Licht in diesem Raum wie ein hauchdünnes Gewebe in einer Röntgenaufnahme sichtbar macht. Vielleicht bekommt man so einen Hinweis darauf, wie sich die Kunst von Annekathrin Norrmann anfühlt.
© Cornelia Kleÿboldt
