Dezember 20, 2008...11:22

Patti Smith im Haus der Kunst, München

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15.12.2008 Patti Smith im Westflügel des Haus der Kunst. Eingeladen und vorgestellt vom Direktor des Hauses der Kunst, Chris Dercon, und von seinem Team, kam Patti Smith zum wiederholten Male als Gast nach München und ins Haus der Kunst. Sie hat sich einladen lassen als „carte blanche“ und für drei Abende. Was gestern im Haus der Kunst im Rahmen der Ausstellung „Spuren des Geistigen in der Kunst“ bei der auch Arbeiten von Patti Smith vertreten sind, mit einer Diskussion um Gott, Religion und die Kunst und vor allem mit Christoph Schlingensief, mit dem P.S. befreundet ist, begann, wurde heute abend fortgeführt in einem Abend mit Bildern, Texten, Gedichten und Liedern und vor allem mit dem 1976 in Lonon geborenen Cellisten Adrian Brendel, dem Sohn von Alfred Brendel. Morgen schließt die Veranstaltung mit einem Auftritt von Patti Smith in der Allerheiligenhofkirche.

Christ Dercon stellt Patti Smith als Schamanin in Gestalt der Sängerin, Dichterin und bildenden Künstlerin vor. Rock Musik sei ihr Ausdruck von Trance, Extase und Hypnose. Gott und Religion sei ein Thema für Patti Smith, die ihre Zwiegespräch mit Gott findet, ohne zuvor durch eine „Servicestation“ gehen zu müssen. Ihre Gefährten sind William Blake, Antonin Artaud, Robert Mapplethorpe und ihr verstorbener Ehemann Fred Sonic Smith und von Kindheit an bis jetzt der französische Dichter Arthur Rimbaud.

Patti Smith’s Auftritt steht unter dem Motto Words, Music und Bilder. Sie tritt auf – wie immer – weisses Hemd, Jeans, helle Cowboystiefel (Knobelbecher), eine schwarze Krawatte mit kleinen weissen Flecken, verknautscht und vollkommen lose um den Hals gelegt, zwischen Schmuck und Galgenstrick, ein schwarzes Jacket und eine schwarze Wollmütze. Ihr Gesicht androgyn und ihr Mund riesig, ihre Augen manchmal lachend, dann weinend, zärtlich, haltlos, voller Freude, dann vollkommen ungehalten und manchmal zusammengezogen wie die eines Eskimomädchens. Das Gesicht auch manchmal wie das eines Affen, pur und unkontrolliert und vollkommen präsent. Nicht Mann, nicht Frau. Jenseits der Abgrenzung, jenseits fester Zuordnungen. Sie kommt herein und mit ihr eine Woge und ein Taumel, die so stark sind als müsse man umfallen, als würde es einen um den Verstand bringen.

Hinter ihr Projektionen von schwarz weiss aufgenommenen Fotografien, Filmausschnitten und der einzigen Farbszene: eine Herde galloppierender schwarzer Pferde vor einem roten Himmel.
Sonst: eine Kirchenorgel in Plastik eingeschlagen, verwelkende Rosen, Rosenkränze, Steinskulpturen, Architekturen von riesigen Brücken, Filmszenen, in denen Patti unter ihren Freunden performt, Bilder aus ihrem Haus und eine Aufnahme in die Kuppel des ältesten, europäischen Parlamentgebäudes, das ausgerechnet in Guernica steht und eines der wenigen Gebäude ist, die den zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden haben. Zu Recht, meint Patti.

Die Schicksale der Menschen, sind ihr Schicksal und sie teilt es mit jenen, die sie kennt und mit jenen, die sie nicht kennt. Mit dem jungen Mann, der 5 Jahre Lang in Guantanamo gefangen gehalten wurde, ohne Licht und ohne jeden Beistand, den einzig die Gedanken und Gebete seiner Familie am Leben gehalten haben und der auch im Augenblick seiner Freilassung seiner Familie in Ketten vorgeführt wurde. Als letzter Demütigung Bush’s.

Als Patti Smith das Lied für jenen jungen Mann gesungen hat, den sie nie getroffen hat, dessen Schicksal sie allerdings mit größter Anteilnahme verfolgt hat, da hat es sie schier vor Schmerz zerrissen und als sie nach dem Lied ihre Gitarre an den hinteren Rand der Bühne, mit dem Rücken zum Publikum abgelegt hat, da war es, als bräuchte sie diesen Augenblick, um sich zu fangen.

Wenn Sie ihre große runde Brille aufsetzt, dann wirkt sie im ersten Augenblick wie eine Märchenerzählerin und im zweiten Augenblick verwandeln sich die von ihr gelesenen Worte in den Vollzug der Worte, in eine Performance, in der das Publikum anfängt, die von ihr gehämmerten, genagelten, gefügten, gefliesten Wortströme, Wortteppiche, Klanggebilde, Mantren und Gebete, die flehentlichen Sprechgesänge eines kleinen Jungen, der von seinem verstorbenen Vatern auf dessen Schiff geholt werden will, mitzuvollziehen.

Manche Sätze kommen überklar, andere verschwinden ganz und gar im Klang und in eben jener Trance, die die Performance der Künstlerin auslöst, während sich ihre Worte aus ihrem Körper und in den Körper schrauben, den Zuhörer jagen, wie lebendige Pfeile und ihn fliegen lassen, wie die Vögel, wie den Wind, der immer wieder in ihren Texten auftaucht, der Wind, der durch Bäume und durch Gräser streift.

Sie begrüsst ihr Publikum mit einem München Lied: Sie kommt nach München, der Vollmond ist noch fast voll, der Himmel feucht und schwer von Schnee und sie spricht in ihrem Lied über die beeindruckenden Architekturen und schließlich über den Portier ihres Hotels, den sie nach der Person fragt, die von einer Skulptur dargestellt wird. Der Portier weiss es nicht. Patti singt, dass wir auch an unsere Vorfahren denken müssen.

Was auch immer sie zeigt oder singt: immer ist es der Anfang zu einer weiterführenden Geschichte, die Oberfläche eines Momentes, der in die Tiefe führt. So führt sie mit ihrem Gesang auch ihr Publikum in die Stille. Zeitweilig.

Bei dem zweiten Lied stellt sie ihren „neuen Freund“ vor, den sie „gestern“ zum ersten Mal getroffen hat: Den Cellisten Adrian Brendel, der sie durch den Abend begleiten wird. Und das tut er, voller Hingabe, folgt er der Stimme von Patti Smith, folgt ihren Gittarrenakkorden (die oft wie eintöniges Geschrammel klingsen – sie spielt ihre Gitarre, wie ein Schamane seine Trommel, die Gitarre ist ihr Pferd, das ihr hilft im Laufe eines Liedes hineinzukommen in die Kraft eines Liedes, die Intensität zu steigern).

Brendel lehnt sich zunehmend hinein in sein Erleben ihres Gesanges und begleitet sie mit gezupftem Cello, das er hält wie eine Gitarre, mit gestrichenem Cello und folgt ihr solange, bis sein Cello anfängt zu antworten und eigenständig zu spielen.

Patti Smith bemerkt, das Publikum solle sich nicht wundern, wenn die Lieder uns „familiar“ vorkämen – sie kenne nur fünf Akkorde – Adrian Brendel kenne immerhin sechs Akkorde.

Im Laufe des Abends stellt sich jedoch heraus, dass Smith im Grunde nur einen einzigen Akkord braucht – ihr liebster sei früher a-Dur gewesen (eine beliebte Mozart-Tonart!) und sei heute a-moll.

Adrian Brendel erschafft vor allem bei der Rezitaion des letzten Gedichtes mit seinem Cello, ein unendlich zartes, kraftvolles, einfühlsames und überaus reiches Klanggebilde, das den unhörbaren Teil ihrer Stimme hörbar macht, auf und mit ihr tanzt und er bleibt schließlich übrig, mit den letzten Tönen seines Cellos.

Patti Smith singt für ihren verstorbenen Ehemann Fred Sonic Smith ein Lied von Neil Young. Singt „Helpless“, ist helpless und blickt immer wieder nach oben, als wäre von dort Hilfe zu erwarten. Sie singt über das Schäfermädchen, das sich in einen Priester verliebt und der niemals von ihren Gefühlen erfahren wird. Sie erzählt von ihrer Norfolker Verwandtschaft, die alle Schäfer gewesen seien. Sie hätte vergeblich nach einem Dichter oder Maler gesucht: in der Verwandtschaft hätten die meisten mit einem x unterschrieben…
Sie singt „The people have the power…“ (Birdland 1975) und „Walking without chains“ (für den Guantanamo Häftling)

Das Publikum jubelt frenetisch und will sie nicht gehen lassen. Sie singt noch zwei Zugaben: ein Weihnachtslied aus ihrer Familie, das nur 1 Minute dauert, mit gerösteten Kastanien im offenen Feuer beginnt und mit Merry Christmas endet. Und last not least, nach weiterem Jubel: Because the night belongs to lovers…. Sie hört dem Publikum zu und vergisst zu singen.

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